5 Gründe, warum du Gewaltfreie Kommunikation Scheiße findest

5 Gründe, warum du Gewaltfreie Kommunikation scheiße findest

Oh Gott!

Sie hat Scheiße gesagt.

Sagt man denn sowas?

Das ist aber nicht gewaltfrei?

In diesem Artikel möchte ich aufräumen. 

Und zwar mit gängigen Mythen über die Gewaltfreie Kommunikation. 

Ach ja! Wo wir gerade dabei sind: Lass uns doch gleich noch einige Missverständnisse über Attachment Parenting und Bedürfnisorientierte Elternschaft klären.

Bist du bereit?

Anschnallen bitte…

1. Grund: Ich bin doch nicht gewalttätig!

Gewalt lehne ich ab.

Ich schlage mein Kind nicht.

Wieso brauche ich dann Gewaltfreie Kommunikation?

Da gibt es noch ganz andere Eltern… Rede lieber mal mit denen!

Wenn du zum ersten Mal von der Gewaltfreien Kommunikation hörst, kann diese Reaktion durchaus vorkommen.

Das Wort Gewaltfrei ist ein subtiler Vorwurf der Gewalttätigkeit. 

Diese im Subkontext mitschwingende Andeutung kann durchaus zu Ablehnung führen und eine weitere Beschäftigung mit der GFK verhindern.

Dieses Phänomen ist auch unter GFKler*innen bekannt.

Gewaltfreie Kommunikation
Bild: Sven Hartenstein

 

Selbst Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, soll zu dem Schluss gekommen sein, dass die Bezeichnung eher ungünstig gewählt sein könnte.

Daher gibt es folgende weitere Bezeichnungen für die Gewaltfreie Kommunikation:

✅ Friedvolle Kommunikation

✅ Sprache des Herzens

✅ emphatische oder einfühlsame Kommunikation

✅ bedürfnisorientierte Kommunikation

✅ achtsame Kommunikation

✅ Giraffensprache (Marshall Rosenberg hat sich die Giraffe ausgesucht, weil sie das Landtier mit dem größten Herzen ist.)

✅ Sprache des Lebens

In der Sprache des Herzens geht es um die Verbindung mit dem, was in uns lebendig ist. Im Hier und Jetzt.

GFK ist weniger eine Methode. Vielmehr ist es eine Philosophie oder eine Lebenseinstellung.

Allerdings können die 4 Schritte der GFK sehr hilfreich sein, um Klarheit zu schaffen.

Bei vielen Konflikte bleiben wir an der Oberfläche stecken. 

Wir bombardieren uns mit Schimpfwörtern, fühlen uns verletzt, geben anderen oder uns selbst die Schuld, drohen oder bestrafen. 

Wie oft hast du dich nach einem Streit mit deine*r Partner*in oder deinem Kind besser gefühlt?

Nicht so oft?

Fühl dich herzlich eingeladen, die Bedürfnisorientierte Kommunikation zu entdecken. 😉

 

Stärke die Verbindung zu deinem Kind

In meinem kostenlosen E-Book findest du eine komplette Liste der universellen Bedürfnisse und Gefühle.

2. Grund: Das hat mir früher auch nicht geschadet.

Kennst du diese Sätze?

Eine Backpfeife hat noch keinem geschadet.

Und ehrlich gesagt: Ich hab’s auch verdient. Ich war nämlich ein freches Kind.

Wie oft ich das schon gehört habe, kann ich gar nicht mehr zählen.

Allerdings motivieren mich solche Aussagen dazu, noch mehr Eltern von der friedvollen Elternschaft zu überzeugen.

Nimm es mir nicht übel, wenn ich jetzt sage:

✅ Doch, es hat dir geschadet.

✅ Nein, du hast es nicht verdient.

✅ Nein, du warst kein freches Kind.

Glaube es oder nicht. 

Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass es uns schon schadet, wenn wir für das, was wir sind, bestraft werden.

Sei es mit Ignoranz, Isolation („ab in dein Zimmer“), körperlicher Gewalt (Klaps auf den Po), Zwang (aufessen müssen) oder verbaler Gewalt (du treibst mich in den Wahnsinn).

Es geht hier nicht darum, irgendjemandem die Schuld zu geben. Auch deine Eltern haben damals ihr bestmögliches getan.

Und ja, ich schließe mich hier einer der Grundannahmen der GFK an:

Wir tun jederzeit unser Bestmögliches, was uns im Moment zur Verfügung steht.

Würden wir es besser wissen, würden wir es besser tun.

Eine weitere Annahme, von der ich überzeugt bin, ist diese:

Alles, was wir tun, tun wir, um uns Bedürfnisse zu erfüllen.

Daher weiß ich, dass es keine „frechen“ Kinder gibt, die uns mit Absicht provozieren und daher Strafe verdient hätten.

Es gibt nur Kinder und Eltern, die verzweifelt versuchen, sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig in Verbindung bleiben wollen.

❤️ Verbindung + Befriedigung aller Bedürfnisse = Glücksgefühl 🍀 

Die Gewaltfreie Kommunikation in Kombination mit Bindungsorientierter Elternschaft ist das Wirksamste, was ich kenne, um beide Ziele zu erreichen. 

 

GFK
Bild: Sven Hartenstein

 

3. Grund: Da darf man ja gar nichts mehr sagen!

Was darf ich denn überhaupt noch sagen? 

Fühlst du dich kritisiert?

Ach ja, das ist übrigens gar kein echtes Gefühl.

Sondern ein Pseudogefühl. In Wirklichkeit denkst du nur, dass du kritisiert wirst. 

Also wie fühlst du dich, wenn du denkst, dass du kritisiert wirst?

So oder so ähnlich könnte ein Gespräch zwischen einem frustrierten Elternteil und einem (frisch gebackenen) GFK-Freund aussehen.

Gewaltfreie Kommunikation 2
Bild: Sven Hartenstein

 

Ich verstehe den Widerwillen, der aufkommt, wenn man zum ersten Mal mit der GFK oder deren Anhänger*innen in Kontakt kommt.

Von Verbindung keine Spur. 

Eher entsteht der Eindruck, man könne gar nichts mehr sagen. 

Und irgendwie gibt es nun 1000 potenzielle Fettnäpfchen, in die man besser nicht tritt, wenn man sich folgende Kommentare ersparen will:

✅ Das ist aber nicht gewaltfrei…

✅ Das ist aber kein echtes Gefühl…

✅ Du hast „muss“ gesagt…

✅ Ich bin nicht für deine Bedürfnisse verantwortlich…

😨

In der GFK gibt es (vermeintlich) unzählige Dinge, die man falsch machen kann. Komisch. Obwohl es ja in der GFK kein Richtig und Falsch gibt.

Also fragen sich viele Menschen verunsichert: Verdammt, was darf ich denn eigentlich noch????

Ich bin eh schon verunsichert und mache mir Sorgen, etwas falsch zu machen:

Bekommt mein Kind ein Trauma, weil ich nicht gleich mitbekommen habe, dass es schreit? 

Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich gestern keinen Nerv hatte, auf die Bedürfnisse meines Kindes einzugehen?

Ist es meine Schuld, dass meine Tochter andere Kinder beißt?

Warum sollte ich in der Erziehung eine Sprache wählen, in der ich noch mehr falsch machen kann, als ohnehin schon? 

Ach ja, Erziehung darf ich ja auch nicht sagen. Es heißt Begleitung.

GFK Mythen
Bild: Sven Hartenstein

 

Ganz ruhig.

In der bedürfnisorientierten Begleitung geht es auch um deine Bedürfnisse.

Ein Ansatz der GFK ist sogar, dass sich Harmonie erst einstellt, wenn wirklich alle Bedürfnisse erfüllt sind. Oder zumindest gesehen werden.

Denn es ist nicht unbedingt notwendig, immer sofort alle Bedürfnisse zu erfüllen.

Du musst auch nicht 24/7 an deinem Kind hängen, um bindungsorientiert zu sein.

Als Bindungspädagogin finde ich den Attachment Parenting Ansatz absolut richtig und wichtig. Allerdings ist niemandem geholfen, wenn du dich permanent selbst vernachlässigst und verurteilst.

Übrigens: In der GFK geht es in erster Linie um deine Bedürfnisse. 

Strategisch gehst du nämlich zuerst in die Selbsteinfühlung, bevor du dich um dein Gegenüber kümmerst.

Grund 4: Gewaltfreie Kommunikation funktioniert nicht.

Ich begleite doch schon bindungsorientiert.

Außerdem setze ich die GFK 1:1 nach Lehrplan um. 

Warum gibt es trotzdem Streit in meiner Familie? 

Mein Kind tanzt mir auf der Nase rum und ist total aggressiv.

Ich habe es probiert: Die GFK funktioniert einfach nicht.

Stimmt.

Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern funktioniert nicht.

GFK 3
Bild: Sven Hartenstein

 

Stell dir vor, das würde GFK auslösen:

✅ Dein Kind sitzt still beim Essen, 

✅ wartet geduldig, bis alle fertig sind,

✅ ist hilfsbereit im Haushalt,

✅ immer nett, freundlich und zuvorkommend,

✅ nimmt stets Rücksicht auf deine Bedürfnisse, 

✅ reagiert jederzeit verständnisvoll auf deine Wünsche,

✅ tut immer, was du sagst… 

„Stimmt Mama, Süßigkeiten sind schlecht für meine Zähne. Ich esse lieber einen Apfel.“

„Eigentlich will ich dieses Spielzeug haben. Aber ich habe natürlich vollstes Verständnis dafür, dass du mir nicht immer was kaufen kannst, wenn wir einkaufen gehen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ja auch genug Spielzeug.“

😳

Ich würde das als gruselig bezeichnen. Aber das wäre eine Bewertung. Und bewerten wollen wir ja nicht in der GFK 😉

GFK ist kein Tool, das dein Kind zum Funktionieren bringt. 

Du willst schließlich auch nicht funktionieren, oder?

Ihr seid keine Roboter, sondern menschliche Wesen, die sich in einem lebendigen Entwicklungsprozess befinden.

Darf ich mal eine Vermutung anstellen?

Hinter dem Wunsch nach „Es soll funktionieren“ ist ein Bedürfnis nach Leichtigkeit. 

Die GFK ist eine Strategie, mit der du das Bedürfnis nach Leichtigkeit in deiner Familie erfüllen willst.

Du probierst es. Es klappt nicht, wie gewünscht. Das frustriert dich. 

Super. 

Denn nun weißt du, dass dein Bedürfnis nicht erfüllt ist. 

Gewaltfreie Kommunikation
Bild: Sven Hartenstein

 

Statt die GFK, die andere Mutter auf dem Spielplatz oder (Gott bewahre) mich anzugiften, konzentriere dich auf dein Gefühl und dein Bedürfnis. 

„Ja verdammt! Ich bin stinksauer, weil ich jetzt einfach will, dass es flutscht! Kann nicht einfach mal etwas so klappen, wie ich will????“ 

Nimm das an. Was du fühlst und brauchst ist perfekt. Bedürfnisorientiert bedeutet, dass du dich an deinem Bedürfnis orientierst.

Grund 5: Du erwartest Perfektion. 

Wenn ich GFK lerne, bin ich die perfekte Mutter.

Die große, weise, liebevolle, gütige Mutter, die alles richtig macht und nie laut wird und ein perfekt entwickeltes Kind hat. 

🧐

Du bekommst du das große Würgen, wenn du Menschen siehst, die diese Perfektion scheinbar 24/7 leben. 

Die Eltern, die nie gestresst sind weil, sie alles richtig machen. Es läuft einfach. Alles. Immer.

Was, bei dir läuft es nicht perfekt?

Dann stimmt was nicht mit dir. 

Lies doch einfach mal dieses oder jenes Buch.

Was, das kennst du noch nicht?

Mein Lieblingsmantra ist: Fuck Perfection! 

Du bist du. Mach es einfach auf deine Art. 

Liebe dich, nimm dich an, hör dir zu, gestatte dir Fehler. 

Bild: Sven hartenstein

 

Nimm auch wahr, dass die scheinbar perfekte Besserwisser Mama richtig nervt. 

Aber bleib nicht dort stecken. 

Beobachte einfach deine Gedanken (ohne Bewertung): 

Wenn ich diese blöde Tussi sehe, wie sie alles hinbekommt, dann könnte ich….. Die spinnt doch… Was glaubt die, wer sie ist…. Das nervt mich.  

Ich hab solche Wut im Bauch. Und Verzweiflung. Ich könnt heulen. (Wow, du bist grad bei Schritt 2 angelangt.) 

Warum kann es bei mir nicht so laufen?

Ich will doch bloß alles richtig machen. Ich will, dass sich mein Kind gut entwickelt. Dass es gesund ist und glücklich. Ich will auch mal ein Danke hören und wie toll ich bin (Wertschätzung).

Und wie bekomme ich es hin, dass ich diese Wertschätzung bekomme?

Vielleicht könnte ich mir mal selber auf die Schulter klopfen und feiern, wie wundervoll ich bin und was ich alles leiste und schaffe.

 

Fazit

Die Gewaltfreie Kommunikation kann so kompliziert wirken und gleichzeitig so viel Leichtigkeit bringen. 

Ich denke, die GFK ist wundervoller Weg, die friedvolle Elternschaft zu leben. Es kann sich durchaus lohnen, die Vorurteile zu überwinden und einfach mal was Neues auszuprobieren.

Es könnte ein interessantes Experiment sein oder ein spannendes Abenteuer. Warum nicht einfach mal ausprobieren?

Auch die bedürfnisorientierte Elternschaft darf leicht sein. Nimm es daher mit Humor und Leichtigkeit. 😉

Ich wünsche dir und deiner Familie viel Freude beim Ausprobieren! 

PS: Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade Friedvolle Elternschaft von Verena und Brithe @Leuchtturm-Eltern. Es lohnt sich, in die anderen Artikel reinzuschauen, für ein tieferes Verständnis der GFK, bedürfnisorientierte Begleitung und friedvolle Elternschaft.

Was magst du nicht an der GFK? 

Schreib mir einen Kommentar 😊 

3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Claudia / ImpulsManufaktur
    15. August 2021 7:35 AM

    So toll geschrieben! Und ich musste oft Schmunzeln 😂

    Antworten
  • Martina / Baby-Wegweiser.de
    16. September 2021 7:45 AM

    Die Comics sind sensationell! Und der Text greift viele Punkte auf, die mich auch mit der GfK hadern lassen. Ich haben vor vielen Jahren mal an einem Workshop teilgenommen und ich fand die GfK so formell bzw. überstrukturiert: 1.Nenne deine Beobachtung 2. Welches Gefühl taucht bei dir auf 3. welches Bedürfnis möchtest du erfüllt haben – so oder so ähnlich. Und dann kamen so Sätze raus: Wenn ich sehe, dass du XY tust, fühle ich mich traurig, weil ich XY von dir brauche… Das ging irgendwie gar nicht! Und der Fokus blieb an der Struktur hängen und das ganze Thema der Grundhaltung rückte in den Hintergrund. Die Bedürfnisorientierung hat mich dann zum Glück mit den Kindern wieder eingeholt. Und Beobachten statt bewerten ist extrem wertvoll.

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